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Full text of "Der lateinische aufsatz [microform]"

MASTER 
NEGA TIVE 

NO. 93-81316-22 



MICROFILMED 1993 
COLUMBIA UNIVERSITY LIBRARIES/NEW YORK 



as part of the 
"Foundations of Western Civilization Preservation Project" 



Funded by the 
NATIONAL ENDOWMENT FOR THE HUMANITIES 



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would involve violation of the Copyright law. 



A UTHOR: 



NEHRING, KARL 



TITLE: 



DER LATEINISCHE 
AU FS ATZ 

PLACE: 

BERLIN 

DA TE: 

1890 



COLUMBIA UNIVERSHY LIBRARIES 
PRESERVATION DEPARTMENT 



Master Negative # 



BIBLIOGRAPHIC MICROFORM TARCFT 



Original Material as Filmed - Existing Bibliographie Record 



Restrictions on Use: 



b77.52 

V.2 



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8 



Box 29 



Nehring^ Karl. 

Der lateinische aufsatz, Berlin^ Gaertner^ 
1890. I 

17 p. 251 cm. ' 



•s ■*. 



Programm des Königstädtischen gymnasium zu 

Berlin, 1890, 

Volume of pamphlets 



Another copy. 



(• ) 



TECHNICAL MICROFORM DATA 



REDUCTION RATIO: iT>< 



FILM SIZE: 3J^_'!^ 

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1 1 00 Wayne Avenue, Suite 1 1 00. 
Silver Spring, Maryland 20910 

301/587-8202 




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Wissenschaftliclie Beilage zum Programm 
des Königstädtisclien Gymnasiums zu Berlin. Ostern 1890. 



Der lateinische Aufsatz. 



Von 



Karl Neliring, 

Überlehrer. 



1890. Programm Nr. 61. 



BERLIN 1890. 

K. Gaertuers Verlagsbuchhandlung 
Hermanu Heyfelder. 



^ 



6' 



Bei dem grofsen Sturmlaufen gegen das Gymnasium bildet der lateinische Aufsatz den 
gesuchtesten Angriffspunkt; durch diese Bresche hofft man die Festung zu gewinnen — um 
so eher, da man das Feldgeschrei eines Teiles der Verteidiger kennt: mit dem lateinischen 
Aufsatze stehe und falle das Gymnasium. So richten sich gegen ihn zumeist die Angriffe. 
Den einen erscheint er als ein Hindernis für den deutschen Unterricht: er verderbe den 
deutschen Stil, sogar den Inhalt der deutschen Aufsätze. Anderen ist er eine P^inrichtung, 
die für das praktische Leben gar keinen Nutzen gewährt: noch anderen eine abgethane Sache, 
die nur für längst entschwundene und überwundene Zeiten Bedeutung gehabt hätte: er habe 
sich überlebt, ja er sei tot. Das Unerquicklichste an den Angriffen ist, dafs die Frage hie 
und da in den Kreis der politischen Parteien hineingezogen und mit parteilicher Leiden- 
schaftlichkeit erörtert wdrd, eine Behandlung, die sie niclit verdient. Wie verhalten sich aber 
die Freunde des Gymnasiums? Auch hier findet der lateinische Aufsatz Gegner; ja selbst bei 
seinen Anhängern herrscht vielfach Verzagtheit und Mutlosigkeit darüber, dafs er nicht das 
erfülle, was man wünsche. 

Überblickt man die Fülle der erhobenen Vorwürfe, so scheint es zuvörderst notwendig 
zu unterscheiden, ob dieselbea sich wirklich gegen den lateinischen Aufsatz an sich richten, 
oder ob sie etwa, falls sie überhaupt begründet sind, durch eine Verbesserung der Methode 
entkräftet werden können. Wir werden also zuerst untersuchen müssen, ob der lateinische 
Aufsatz an sich als schädlich zu bezeichnen ist. Sollte sich ergeben, dafs dies nicht der Fall 
ist, dafs er im Gegenteil Nutzen bringen mufs, so würde zweitens die Methode zu prüfen 
sein und die Mängel, die man dieser zum Vorwurf macht, müfsten untersucht und die Mög- 
lichkeit ihrer Beseitigung gezeigt werden. 

In betreff des ersten Punktes spricht jedenfalls eine Keihe von Erwägungen von vorn- 
herein zu Gunsten unseres Angeklagten. Ich wenigstens halte es für durchaus geboten, dafs 
die Schulen, welche für die Universität vorbereiten, ihre Zöglinge soweit bringen, dafs sie in 
irgend einer fremden Sprache eine zusammenhangende selbständige Arbeit schreiben können. 
Nach der Einrichtung des Gymnasiums aber kann diese fremde Sprache nur das Lateinische 
sein. Denn sie bildet den Mittelpunkt des gesamten sprachlichen Unterrichtes am Gymnasium 
— wegen ihrer hohen historischen Bedeutung. Sie wurde von einem Volke gesprochen, das 
nicht durch das länderstürzende Genie eines einzelnen Mannes, sondern durch die zielbe- 
wufste Leitung der ersten Familien und die zielverstehende Beihülfe des gesamten Volkes 
eine Weltherrschaft schuf, die nicht wie ein glänzendes Meteor dahinschwand, sondern lange 
Dauer hatte und dadurch einen Einflufs übte wie kein zweites Weltreich. So wurde die 



1 



— 4 — 

lateinische Sprache Vermittlerin des öffentlichen Verkehrs, dann der Völker und dadurch 
Mutter mehrerer modernen, zum Teil sehr, bedeutenden Sprachen, deren Werden und Sein 
wir nur durch das Lateinische völlig erkennen. Aber auch durch seinen absoluten Wert 
verdient das Lateinische jene hohe Stellung im Gymnasium — durch seine klare logische 
und knappe Form. In dem Finden und Sprechen des Kechtes wurde den Römern Gedanke 
und Ausdruck geschärft; in den Verhandlungen im Senat, in den Reden an das Volk wurde 
das wirksamste Wort gewählt ; in dem Wortlaut der Gesetze die knappste und klarste Form 
gebildet. Dazu kommt, dafs in Deklination und Konjugation die Formen einfach und be- 
stimmt sind, andrerseits reich genug, der Darstellung Abwechselung und Leben zu geben. 
Der Satzbau ist fest geregelt, hat grofse Klarheit und Bestimmtheit; dabei ist die Sprache 
in ihrer Bewegung nicht eng geschnürt wie z. B. das Französische. Durch diese Vorzüge hat 
die lateinische Sprache „die vielgerühmte Mustergültigkeit ihrer Darstellung" erlangt, die 
nicht nur wir moderne Menschen, Besitzer des Restes früheren Reichtums, bewundern, die 
sogar von den Griechen anerkannt wurde. ^) 

Ergiebt sich aus dem Gesagten einerseits, dafs die Übung selbständiger Darstellung in 
der lateinischen Sprache an sich betrachtet sicherlich nicht schädlich sein kann, und andrer- 
seits, dafs bei den pädagogisch so hervorragenden Eigenschaften des Lateinischen und bei 
der Stellung dieses Unterrichtes im Gymnasiallehrplan die Forderung, den Schüler wirklich 
bis zu dieser Fertigkeit zu bringen, aufserordentlich naheliegend und fast selbstverständlich 
ist, so werden die folgenden Betrachtungen den mannigfachen Nutzen zeigen, den der latei- 
nische Aufsatz bringen kann. 



Ich beginne mit dem lateinischen Unterricht selbst. Ihm leistet der lateinische Aufsatz 
materiell genau das, was der deutsche Aufsatz dem deutschen Fache ist. Denn mit seiner 
Hülfe vertiefen wir die Lektüre und verleihen dem Schüler eine gröfsere Herrschaft über den 
Stoff. Das Lesen einer Schrift wird von ihm im Hinblick auf die Möglichkeit, einen Aufsatz 
über das Gelesene ausarbeiten zu müssen, sorgfältiger ausgeführt, er wird genauer zusehen, 
den Inhalt in seinen einzelnen Teilen zu erfassen suchen, den Fortgang der Handlung in 
ihren Hauptmomenten feststellen, die nebensächlichen Dinge absondern — das alles gründlich, 
mit der Feder in der Hand, um es später leichter verwenden zu können. Ist es nun möglich, 
vor dem Beginn der Lektüre das Thema zu geben, so wird nach diesem Gesichtspunkt hin 
gelesen und es beginnt eine tiefere, mehr wissenschaftliche Thätigkeit: es mufs sachlich ge- 
sondert werden das Zugehörige vom Nichtpassenden, das Wichtige vom weniger Wichtigen. 
Auch die Kritik beginnt. Es wird geprüft, ob nicht etwa Sallust parteiisch geurteilt, Cäsar 
nicht um des persönlichen Vorteiles willen geschönt habe, es wird die römische Anschauung 
dem allgemein menschlichen Urteil gegenübergestellt, die Ansicht eines anderen römischen 
oder eines modernen Schriftstellers zur Vergleichung herangezogen. So wird der Blick ge- 
schärft, Klarheit geschaffen; der Schüler gewöhnt sich an aufmerksames Lesen, lernt zusammen- 
fassen, vergleichen, er lernt studieren. 



*) Plutarch, Demosth. JCap. 2. 



— 5 — 

Durch gründliches Lesen ist so der Stoff gut gesammelt; er wird aber erst durch aus- 
nutzende Bearbeitung recht Eigentum des Schülers. Denn bei der nun folgenden Ausführung 
des Themas überschaut der Schüler die ganze gelesene Schrift von dem höheren Standpunkte 
eines Wissenden. Ein Punkt, der ihm während der Lektüre noch dunkel geblieben war, weil 
er seine Bedeutung für das Folgende nicht erfafste, wird ihm jetzt klar. Jetzt tritt der ge- 
samte Inhalt vor seine Seele ; von neuem mufs gelesen, geprüft, verglichen werden. Zu einer 
so eingehenden Arbeit bringt es die mündliche Durchnahme des gelesenen Stoffes nie. Wie 
viele beruhigen sich da bei der Erklärung des Lehrers oder der Antwort des Nebenschülers. 
Ehe der Langsame die Sache recht erfafst hat, schreitet der Lehrer, dies nicht ahnend, weiter 
zur nächsten Frage. In der eigenen Untersuchung wählt sich jeder sein Tempo. Dann aber 
sieht er sich die Sache genau an und sucht dem Richtigen auf den Grund zu kommen, denn 
er will darüber schreiben. Nichts giebt gröfsere Klarheit über eine Sache, als darüber schreiben. 

Es ist dem lateinischen Aufsatz vorgeworfen worden, dafs er „einer umfassenden, leiden- 
schaftlich in die Sache eindringenden, nicht gleich an parademäfsige Verwertung denkenden 
Lektüre Luft und Licht nehme ".i) Das ist unmöglich. Dafs die Besprechung des Stoffes etwa 
eine halbe Stunde und das Zurückgeben des Aufsatzes ebensoviel Zeit in Anspruch nimmt, 
ist zuzugeben. 2) Aber diesen quantitativen Verlust erhält die Lektüre durch qualitativen 
Gewinn reichlich ersetzt. Denn ich weifs schlechterdings kein Mittel, das Lehrer wie Schüler 
so zwingt in die Sache sich zu versenken, als die Bearbeitung des Stoffes. Andrerseits hat 
aber die Menge des Lesestoffes eine Grenze; wir können kaum viel über das jetzige Mafs 
hinausgehen. Sicherlich wäre es ohne den Aufsatz verlorene Mühe. Denn das fortwährende 
Aufnehmen fremder Gedanken spannt die Lust und Fähigkeit zu weiterem Aufnehmen all- 
mählich ab; es wehrt sich der Geist gegen die rauhe Zumutung, nur auf die eine Art thätig 
zu sein. Und wie sind ferner die Vorstellungen über das Gelesene? Ich glaube: recht all- 
gemein und sogar etwas dumpf. Tritt dagegen eine Bearbeitung des Stoffes ein, natürlich eines 
wichtigen Punktes, der nach möglichst vielen Teilen der gelesenen Schrift die Aussicht 
öffnet, so werden die müden Kräfte abgelöst; andere gehen an die Arbeit, die längst ge- 
wartet haben, dafs man sie rufe. Dann bilden diese Bearbeitungen gleichsam die trigonome- 
trischen Höhepunkte, von denen der Schüler das Gelände des aufgenommenen Stoffes über- 
schaut und mit denen er diesen auf der Karte seines Gedächtnisses festlegt. So erst besitzt 
der Schüler den Stoff. Hirschfelder geht weiter und sagt: „Ohne den lateinischen Aufsatz 
würde die Lektüre mit Ausnahme einzelner memorierter Stellen spurlos verloren gehen." Der 
gröfste Teil gewifs. Und Laas (der deutsche Aufsatz S. 15) sagt: „Soll der Unterrichtsstoff 
nicht wie eine schwere Last die Schüler bedrücken und einengen; soll die Vielheit und Mannig- 
faltigkeit der Kenntnisse nicht wie ein ungesichteter Wust ihre Köpfe verwirren ; soll in der 
Schule Klarheit und Freiheit des Geistes nicht blos gewahrt, sondern gefördert werden: so 
mufs geradezu alle rezeptive Thätigkeit zuletzt in zweckentsprechende Produktionen münden." 

Aus den so entstandenen Aufsätzen erfährt der Lehrer, wie weit die gelesene Schrift 
verstanden ist und zwar erfährt er es an demselben Gegenstande von der ganzen Klasse; 



1) Schroeder in seiner Besprechung von Cauers Schrift Suum cuique, Grenzboten 1889 S. 363 ff. — In 
betreff der paraderaäfsigen Verwertung: Wer nimmt die Parade ab? Wer will paradieren? Wenn man dies 
vom deutschen Aufsatz sagte! 

2) Bei dieser Zeitberechnung sehe ich von den ersten Versuchen in Obersekunda ab. 



{. 






— 6 - 

kein anderes Unterrichtsmittel giebt ihm so vollkommene Auskunft. Nun kann bei der Durch- 
nahme der Aufsätze, zuerst mit jedem Schüler persönlich, am besten aufserhalb des Unter- 
richtes, dann bei der Gesamtbesprechung in der Stunde, nachgebessert, volles Verständnis be- 
wirkt und auf der Unterlage des Erreichten sicher weiter gebaut werden. Aus dem gröfseren 
oder geringeren Mafs der Leistungen ersieht der Lehrer auch den Grad des Fleifses seiner 
Schüler, ja er hat an dem Aufsatz auch einen Prüfstein seiner eigenen Methode und kann 
etwaigen Mängeln in der Zukunft vorbeugen. 

Die genannten Vorteile erhalten für die Privatlektüre eine höhere Bedeutung. Hier ist 
der Aufsatz, wenn auch nicht das einzige, so doch gewifs das wirksamste Mittel, den Fleifs 
und das Verständnis der Klasse festzustellen. 

Man darf nun ja nicht glauben, dafs diese Art zu lesen und das Gelesene zu bearbeiten, 
dem Schüler eine Last sei. Im Gegenteil, mit dem Verständnis wächst die Lust am Gegen- 
stande und tiefer und tiefer sucht der Geist einzudringen. Es freut sich der Schüler des Er- 
folges, freut sich über den wachsenden Schatz seiner Kenntnisse, nicht nur der aus der 
Lektüre gewonnenen Thatsachen, auch der eigenen Beobachtungen. Gar gerne kritisiert die 
Jugend. So prüft sie das Gelesene, vergleicht mit anderen Beobachtungen, auch mit der eigenen 
Erfahrung. Mit diesem Pfunde seiner Kenntnisse und Beobachtungen will der junge Geist 
wuchern, will sich aussprechen, will selbst gestalten. Die Lust zu produzieren liegt tief in 
der menschlichen Seele ; von Jugend auf sucht der Mensch selbst zu schaffen und zu bilden. 
Das Kind zeigt dieses Streben im Spiele: es baut und formt; es reifst ein, um wieder zu 
bauen und wieder zu formen. Der Knabe ahmt des Vaters Thätigkeit nach, der Schüler oft 
die gelesenen Dichter. Diesem Drange nach freier Produktion kommen die sprachlichen 
Fächer mit offenen Armen entgegen. Auch Paulseni) sagt: „In den humanistischen Fächern 
dürfte es in der Kegel leichter sein, den Schüler zu einer gewissen Selbständigkeit des Ar- 
beitens zu führen, als in den realistischen." An diesen selbständigen Arbeiten hat der 
Schüler deshalb seine besondere Freude, weil er sieht, dafs er nicht nur etwas weifs, sondern 
auch kann, dafs dies sein frei verwendbarer Besitz geworden ist. Diese Sätze sind für den 
deutschen und mathematischen Unterricht anerkannt und werden praktisch angewandt. 
Paulsen sagt sogar S. 34: „Eigentlich mufs jeder Lehrer wünschen, auch für seinen Unter- 
richt den zusammenhangenden schriftlichen Aufsatz zur Verfügung zu haben." Warum dann 
nicht das Lateinische ? Es hat weitaus die gröfste Stundenzahl auf dem Gymnasium und ist 
danach nicht nur berechtigt, nein verpflichtet, die fremdsprachliclien freien Produktionen zu 
übernehmen. Das Real - Gymnasium hat wöchentlich nur 34 Stunden für das Französische 
und beginnt nicht mit diesem Gegenstande in der Sexta, baut also seinen grammatischen Unter- 
richt nicht auf diesem Fache auf — trotzdem hat es den französischen Aufsatz, ist mit den 
Leistungen (soweit meine Erkundigungen reichen) zufrieden und will ihn nicht abthun. Das 
Gymnasium hat 77 Stunden Latein, beginnt mit diesem Gegenstande in Sexta, macht ihn zum 
Mittelpunkt des gesamten grammatischen Unterrichtes — trotzdem soll die freie Produktion 
in diesem Fache nicht möglich sein, Inhalt wie Form nichts taugen. Wie die Rechnung 
dieses Resultat ergeben kann, bleibt mir unverständlich. Sie ist eben falsch. 



') Das Realgymnasium und die humanistische Bildung, Berlin 1889 S. 2A f. 



— 7 — 

Auch in formaler Beziehung gewährt der lateinische Aufsatz dem lateinischen Unter- 
richte grofsen Nutzen. Nach Cauers hübscher Vergleichung hat das Lateinische die Rolle 
des Magens im Märchen des Menenius Agrippa. Ich bedauere nicht, dafs „der strenge Herr 
viel Zeit und Arbeit verschlingt"; er zahlt mit hohen Zinsen zurück. Denn das Lateinische 
bildet das Rückgrat des gesamten grammatischen Unterrichtes am Gymnasium; es giebt allen 
Fächern das grammatische Rüstzeug. Erst mit diesen Mitteln können die übrigen Unterrichts- 
gegenstände in kürzerer Zeit ihr Ziel erreichen. Das Griechische z. B. könnte ohne diese 
Hülfe unmöglich seinen Schülern nach anderthalb Jahren eine Schrift wie Xenophons Ana- 
basis und nach einem weiteren halben Jahre Homers Odyssee in die Hand geben. Deswegen 
braucht das Lateinische natürlich mehr Zeit für seine grammatischen Übungen als die anderen 
Fächer. Aber das ist das Gute und Lohnende der ganzen Mühe und Arbeit, dafs ein Fach 
für alle den Mittelpunkt bildet : die gründliche Arbeit auf dem einen Gebiete macht geschickt 
auch auf anderen sich schnell zurecht zu finden ; andrerseits ist in allen grammatischen Nöten 
und Gefahren das Lateinische der Hafen, in den Lehrer und Schüler flüchten. Selbst aber 
stark zu sein, zur Erreichung dieses Zweckes befolgt der lateinische Unterricht die allgemein 
anerkannte pädagogische Regel, seine Schüler selbstthätig sein zu lassen, und zwar am nach- 
haltigsten mit der Feder in der Hand. Von diesen Übungen erschliefsen die Übersetzungen 
in das Lateinische dem Schüler schneller und sicherer das Verständnis der fremden Sprache 
als irgend eine andere Übung z. B. das Übersetzen in die Muttersprache. Durch letzteres 
wird der deutsche Stil gebessert. Durch das Übertragen in die fremde Sprache, durch die 
Anwendung der Regeln lernt der Schüler diese gründlich verstehen und beherrschen. Da- 
durch dafs der Lehrer in solche Übungen, die er selbst zusammenstellt, frühere Regeln hin- 
einwebt, erhält er auch diese im Gedächtnis des Schülers wach. So erwächst dem Schüler 
ein sicheres und festes Wissen, das für das Verständnis der Lektüre von gröfster Bedeutung 
ist. Denn jetzt giebts kein Raten, kein Appellieren an das Ahnungsvermögen des Schülers; 
man fragt nicht wie jener Pädagoge: „Was könnte es denn heifsen?" jetzt fufst man auf dem 
festen Boden des Wissens. Je höher nun die Klasse, desto mehr findet die Stilistik und die 
Synonymik Berücksichtigung (denn beginnen mufs man mit beiden in Sexta), desto klarer 
wird der Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Lateinischen, zwischen der modernen 
und der antiken Anschauungsweise. Deshalb sind diese Übungen höchst wichtig und not- 
wendig. Man soll uns aber nicht mit solchen Vorwürfen kommen, wie das „ewige Grammatik- 
pauken." Denn erstens wird nicht „ewig" Grammatik getrieben. In den Oberklassen wird 
auf die grammatischen und stilistischen Übungen ein Viertel, in den Mittelklassen ein Drittel 
und in der Quarta weniger als die Hälfte der sämtlichen lateinischen Stunden verwendet. 
Der Zeit nach kann man also nicht von einem „Pauken" sprechen. Die Methode aber verdient 
diesen Vorwurf ebensowenig. Zweitens hat ein Zurücktreten der grammatischen Übungen 
immer ein Nachlassen im Verständnis der Lektüre zur Folge. Das hat jeder Lehrer beob- 
achtet. Was man durch Beschränkung der grammatischen Übungen an Zeit für die Lektüre 
gewinnen würde, das ginge gewifs durch den geringeren Wert der Leistungen verloren. 
Natürlich giebt es eine Grenze der grammatischen Forderungen: das genannte Mafs halte 
ich für geboten, aber auch für ausreichend. 

Zu diesen grammatischen und stilistischen Übungen bringt der lateinische Aufsatz eine 
Ergänzung, indem es erst durch ihn möglich wird eine Reihe von Formen der tractatio zu 






— 8 — 

üben. Ich meine besonders die Übergänge zu einem neuen Teile. Ganz unberücksichtigt 
bleiben diese Formen in den Exerzitien und Extemporalien nicht, aber ihre dortige An- 
wendung ist doch ziemlich gering. Im Aufsatz dagegen kann man ihrer nicht entbehren, 
wenngleich eine Beschränkung auf die häufigsten und einfachsten geboten ist. Nun höre ich 
schon einen Gegner des lateinischen Aufsatzes rufen, dafs demnach diese Übung nur für den 
Aufsatz wäre, also dieser doch das Ziel des Unterrichtes sei, wenn auch in einem unbedeu- 
tenden Punkte. Dem ist aber nicht so. Sondern die Kenntnis dieser Formen ist nötig für 
das Verständnis der lateinischen Schriftsteller — zunächst einer Rede Ciceros. Hier ist sie 
unentbehrlich; denn ohne sie ist eine Einsicht in die logische Gliederung einer solchen 
unmöglich. Aber auch für andere Schriften Ciceros und für die anderer Schriftsteller bedarf 
man ihrer notwendig. 

Femer hebt der lateinische Aufsatz die grammatischen und stilistischen Kenntnisse auf 
eine höhere Stufe. An äufserem Umfange übertriift er die Extemporalien und Exerzitien, so- 
mit findet im Aufsatz eine umfassendere Verwendung der grammatischen Kenntnisse statt. 
Die Hauptsache dabei aber ist die freie Anwendung des gesamten grammatischen Wissens. In 
den Übersetzungen ins Lateinische geht der Schüler immer nur in den Spuren eines anderen. 
Eines anderen Auffassung ist mafsgebend ; in diese hat er sich hineinzudenken und dann erst 
dafür die lateinische Form zu finden. Bei der Abfassung der Aufsätze aber, beim Nieder- 
schreiben der Gedanken stehen diese nur der Hauptsache nach fest, in ihren Einzelheiten da- 
gegen sind sie erst noch zu bilden und festzustellen. Das hat sofort in lateinischer Form zu 
geschehen. Indem nun der Gedanke mit der Form ringt, wird durch diese „fortgesetzte 
Gegeneinanderstellung und gleichsam Friktion" der verschiedenen Denk- und Sprachformen 
eine innigere, ich möchte sagen überzeugtere Aneignung des grammatischen Stoffes herbei- 
geführt. Und indem die Gedanken in die lateinischen Formen der Konstruktionen und 
namentlich des Satzbaues vom Schüler hineingegossen werden, findet ein viel tieferes innigeres 
Eingehen auf die lateinischen Denkformen statt. Hier erst tritt dann völlig die Wirkung ein, 
dafs der Schüler des Unterschiedes der lateinischen und der deutschen Ausdrucksweise sich 
bewufst wird. Erst in solchem Kampfe begreift er z. B. die Vorliebe des Lateinischen für 
konkreten Ausdruck, wo das Deutsche sich wissenschaftlich abstrakt auszudrücken liebt. Eben- 
dabei gehen ihm aber auch eine Menge Begriffe besser auf, die er in ihre Teile zerlegen 
mufs, um sie lateinisch auszudrücken; so lernt er sie auch beherrschen. i) So wird der la- 
teinische Aufsatz eine tiefgehende Denkübung, die deswegen so nachhaltig >virkt, weil der 
Schüler auf Schritt und Tritt zum Überlegen gezwungen ist. Denn er bewegt sich auf dem 
Gebiete einer fremden Sprache ; da mufs er jedes Wort genau bedenken. Während in den 
Übersetzungen ins Lateinische nur ein Übertragen fremder Gedanken stattfindet, das zum Teil 
doch äufserlich bleibt, so wird hier vom Schüler ein Denken in der lateinischen Sprache voll- 
zogen. Mag es auch anfangs recht unbeholfen sein, so wollen wir ihn damit trösten, dafs 
jede fremde Sprache den Versuchen, in ihr zu sprechen und selbständig zu schreiben, die- 
selben Schwierigkeiten entgegensetzt. Dafür ist der Lohn grofs. Das eigentliche Wesen der 
fremden Sprache erschliefst sich nur durch solche Übungen. Jetzt erst versteht der Schüler 



>) Da versteht man, warum Nägelsbach seinen Schülern Begriffe wie Moral und Romantik so gern zur 
Übersetzung vorlegte. 



- 9 — 

die Lektüre ganz, fühlt er dem Schriftsteller in seiner Sprache den Zweck nach, den dieser 
durch die gewählten formalen Mittel verfolgt hat. 

Es ist leicht zu ersehen, wie durch solche Arbeiten auch das ästhetische Verständnis 
erschlossen und gefördert wird. Wer eine fremde Sprache treibt, indem er nur die in ihr 
geschriebenen Werke liest, wird gewifs an vielen ihrer Schönheiten vorübergehen, ohne sie 
wahrzunehmen. Übersetzen in die fremde Sprache führt weiter, aber nach dem oben Ge- 
sagten bleibt es doch immer ein Marschieren mit gebundener Marschroute. Erst der freie 
Ausdruck der eigenen Gedanken in der fremden Sprache, erst Sprechen und Schreiben in ihr 
giebt tieferes Verständnis. Wer einen Gedanken in seinen Haupt- und Nebenteilen lateinisch 
ausdrückt, jedem nach seiner Bedeutung sein Recht giebt, auch die Stellung der einzelnen 
Wörter genau beachtet, der vollführt ein anfangs mühseliges, aber bald sehr lohnendes Werk. 
Er tritt ein in die Werkstatt der fremden Sprache und sieht, wie sie arbeitet. Da er Einsicht 
in die Entstehung ihrer Werke bekommt, selbst schaffend thätig ist, so lernt er alle ihre 
Eigentümlichkeiten, ihre Schönheiten auf die beste Art kennen. 

Dies erkennen wir in Obersecunda und Prima an dem zunehmendem Verständnis 
unserer Schüler für die sprachlichen Schönheiten der römischen Litteraturwerke, namentlich 
der Dichter. Ich setze jene wachsende Einsicht hauptsächlich auf Rechnung der freien Arbeiten 
im Lateinischen, zu denen ich auch das Lateinsprechen rechne. 

Den im Vorstehenden entwickelten Nutzen kann der lateinische Aufsatz dem Latein- 
unterricht bringen. Dafs er hinter dem erstrebten Ziele oft zurückbleibt, dafür soll die Schwäche 
aller menschlichen Arbeit trösten, hier aber noch insbesondere der Gedanke, dafs die Ver- 
fasser noch recht junge Menschen sind. Auch die Leistungen im deutschen Aufsatz erreichen 
oft das Ziel nicht. Wer denkt deswegen daran, ihn aufzugeben? 



Ich betrachte nun den Nutzen, den der lateinische Aufsatz den anderen Unterrichts- 
fächern bringt. Da ist er zunächst eine gute logische Übung. Wie sollte es auch anders sein? 
Wie im deutschen Aufsatz wird eine richtig disponierte Abhandlung verlangt, welche die 
richtige und vollständige Beantwortung des Themas als unverrückbares Ziel fest im Auge 
behält. Auf eine solche Leistung, also auf eine logische Darlegung des Inhaltes, richtet sich 
die Vorbesprechung des Themas in der Klasse. Dieses wird meist der Lektüre, immer aber 
dem Unterrichtsstoff entnommen. Ist nun auch in sprachlicher Beziehung richtig verfahren, 
sind namentlich die Vorübungen zum Lateinschreiben gewissenhaft betrieben, so mufs eine 
lesbare Abhandlung herauskommen. Und sie kommt heraus. Vielleicht noch nicht recht in 
Obersecunda. Aber nach diesen Anfangsleistungen darf man den lateinischen Aufsatz nicht 
beurteilen, wie man ja auch den Wert des deutschen Aufsatzes nicht nach den Erfolgen der 
ersten Jahre bemifst. Erst in Prima kann man gute Früchte erwarten und ich glaube, der 
lateinische Aufsatz täuscht diese Erwartung nicht. 

Diese Früchte aber kommen auch dem deutschen Aufsatz zu gute. Das Sammeln des 
Stoffes für das eine Ziel des Aufsatzes, die logische Anordnung des Stoffes und endlich der 
logische Aufbau der Gedanken sind verstandbildend und tragen mit dazu bei, den Schüler 
geschickt zu machen, solche oder ähnliche Aufgaben richtig anzugreifen. Mir erscheint durch- 
aus richtig, was Cauer (Suum cuique S. 39) sagt: „Die Schwierigkeiten und Gefahren im 

Köuigstädtisches Gymnasium. 1890. 2 



— 10 — 



— 11 — 



deutschen Aufsatze würden für den Schüler aufs empfindlichste gesteigert werden, wenn die 
nebenhergehende Übung im lateinischen Aufsatze wegfiele." 

Nach der Seite des Inhaltes nützt der lateinische Aufsatz ferner dem Griechischen und 
besonders der Geschichte. Ich spreche von der letzten zuerst. Gerade geschichtliche Fragen 
sind das Element, in dem der lateinische Aufsatz sich gern tummelt, und andrerseits ist 
„das Geschichtliche, nicht das Räsonnement das Feld, auf dem der 16 — 18jährige Jüng- 
ling sich gern bewegt." i) Wenn man nun die so hohe Bedeutung der Geschichte für die 
Bildung des menschlichen Geistes erwägt, wenn man bedenkt, dafs unsere Wissenschaft, unser 
Unterricht im wesentlichen auf historischen Prinzipien beruht, so mufs man eine solche 
Übung, wie sie hier der lateinische Aufsatz bietet, aufserordentlich hoch anschlagen. Fragen, 
die für die Weltgeschichte von hoher Bedeutung sind, z. B. Themata wie „Die den Römern 
drohende germanische Gefahr", „Bedeutung der gallischen Feldzüge Cäsars für die Verzögerung 
der Völkerwanderung", deren Inhalt in der Geschichte ausführlich besprochen, in den lateinischen 
Stunden vielfach nach verschiedenen Seiten hin berührt ist, treten dem Schüler ganz anders 
vor das geistige Auge, wenn er sie in einem Aufsatze bearbeitet. Ferner eine Besprechung 
des Wandels der politischen Anschauungen im augusteischen Zeitalter, der Übergang von 
republikanischen zu monarchischen Anschauungen, Dinge, welche in Obersekunda im Vergil, 
in Prima im Horaz so vielfach berührt werden — vielleicht mehr und eingehender, jeden- 
falls wirkungsvoller als in der Geschichte, weil der Schüler darüber liest — eine Besprechung 
dieser Frage, die für das Verständnis der mittelalterlichen Geschichte so wichtig ist, verdient 
es gewifs von dem Schüler bearbeitet zu werden. Einige dieser oder ähnlicher Aufgaben 
(ich erinnere an die kulturgeschichtliche Bedeutung der Perserkriege, der karthagischen Kriege) 
müfsten von jedem Primaner in einem Aufsatze behandelt werden. Das beste bei solchen Ab- 
handlungen ist, dafs es Fragen sind, die der Schüler nach den Quellen betrachten und prüfen 
kann ; denn alle stehen zu seiner Lektüre in näherer oder entfernterer Beziehung. So bewegt 
er sich auf bekanntem Boden, den er unter der orientierenden Leitung des Lehrers schon 
lange betreten hat. Da wird der Eifer zu forschen und zu lesen angeregt; da gilt das Wort 
Jean Pauls: „Ein Blatt schreiben regt den Bildungstrieb mehr auf als ein Buch lesen." Man 
sage nicht, dafs der deutsche Aufsatz hier eintreten könne. Diese Aufgaben liegen ihm mehr 
fern; für den lateinischen Aufsatz sind sie wie geschaffen. 

Für das Griechische gewährt der lateinische Aufsatz eine ähnliche Ausnutzung und Ver- 
tiefung der Lektüre wie es oben für das Lateinische nachgewiesen wurde. Natürlich wird 
diese Ausnutzung nicht so oft wie für die lateinischen Schriftsteller eintreten, aber hervor- 
heben will ich, dafs bei der nah verwandten Anschauungsweise der beiden antiken Völker 
diese Benutzung der griechischen Lektüre keine Schwierigkeiten bietet und dafs für Aufgaben 
aus der Prosa der lateinische Aufsatz geeigneter erscheint als der deutsche. 

Endlich reicht die Bedeutung des lateinischen Aufsatzes über die Schule hinaus ; er ist 
eine gute Vorbereitung für die wissenschaftlichen Arbeiten auf der Universität. Das oben an- 
gedeutete Lesen einer Schrift im Hinblick auf ein Ziel, das Sammeln aller auf dieses bezüg- 
lichen Punkte, Prüfung der Wichtigkeit eines jeden einzelnen beruht auf gleichem Verfahren 
wie später bei wissenschaftlichen Arbeiten. In dieser Weise gute Übersetzungen griechischer 



Schriftsteller zu lesen, empfiehlt Paulsen dem Real -Gymnasium und verspricht sich grofsen 
Nutzen davon. Er sagt i): „Wenn das Real- Gymnasium seine Schüler zur Lektüre griechischer 
Schriftsteller in guter Übersetzung und geeigneter Auswahl zu veranlassen und anzuleiten im- 
stande ist, wenn es erreicht, dafs sie diese und jene Autoren mit der Feder in der Hand im 
Zusammenhang lesen, sei es, um ein Referat über den Inhalt, eine Zusammenstellung von 
Thatsachen oder Gedanken aus einer Reihe von Schriften, einen Aufsatz über die litterarische 
Form oder was immer zu machen, so kann es das Gymnasium, wenn dieses bei seinem gegen- 
wärtigen Betriebe beharrt, auf seinem eigensten Felde schlagen. Und weiter würde ich sagen : 
gerade derartige Arbeiten sind am allermeisten geeignet, für die Aufgabe, die auf der Uni- 
versität der Studierenden harrt, vorzubereiten." Ich glaube nicht, dafs das Gymnasium, auch 
wenn es bei seinem gegenwärtigen Betriebe beharrt, zu fürchten braucht vom Real-Gymnasium 
in diesem Punkte überflügelt zu werden. Wenn es seine Schüler sechs Jahre hindurch 
wöchentlich sieben Stunden mit Griechisch beschäftigt, von welchen in Untersekunda bis 
Prima fünf und mehr auf Lektüre kommen, so kann es diesem Wettstreit ruhig entgegen- 
sehen. Aber wenn schon für Schüler, die in den Geist der antiken Welt im Verhältnis zu 
denen des Gymnasiums nur wenig eingedrungen sind, ein solcher Erfolg zu erwarten ist, so 
darf ich wohl behaupten, dafs eine Benutzung der Lektüre in der angedeuteten Weise für die 
Schüler des Gymnasiums gewifs gewinnbringend ist. 

Fasse ich das bisher Gesagte zur Entscheidung der Frage, ob der lateinische Aufsatz an 
sich schädlich sei, zusammen, so glaube ich diese Frage verneinen, im Gegenteil behaupten 
zu können, dafs er dem Gymnasial -Unterricht, soweit er sich auf das Altertum bezieht, 
grofsen Nutzen zu bringen im stände ist. Diesen Unterricht zu vertiefen, den Schüler vor 
dem Überwiegen gedächtnismäfsigen Lernens zu bewahren (denn noXv^aS^ijj voov ov (piei)^ ihn 
selbstthätig sein zu lassen, damit er dem Ziele des Unterrichtes, sapere et fari, sich nähere, 2) 
hierzu erscheint der lateinische Aufsatz innerhalb der genannten Grenze durchaus als ein sehr 
wirksames Mittel. Natürlich kann dieser fördernde Erfolg nur auf dem Grunde einer rich- 
tigen Methode erwachsen. Wir kommen demnach zur Behandlung des lateinischen Aufsatzes 
und zunächst zu einer Reihe von Vorwürfen, die in dieser Richtung, zum Teil in sehr bitterer 
und heftiger Weise erhoben sind. 

Der schwerste Vorwurf gegen die Handhabung des lateinischen Aufsatzes, der — zu- 
treffend — ihn unmöglich machen würde, ist, dafs die Lehrer des Lateinischen selbst nicht 
mehr genügend das Latein beherrschen und daher nicht im stände seien richtige und gute An- 
leitung zum Lateinischschreiben zu geben. Sie könnten es auch nicht lernen, denn die Professoren 
an der Universität verständen nicht genug latein zu schreiben; lateinische Stilistik würde 
auf der Universität nicht mehr gelehrt. Die Forderung den lateinischen Aufsatz abzuschaffen, 
die sich auf diese Gründe stützt, hat einen logischen Fehler; man verwirft ihretwegen den 
lateinischen Aufsatz, behält aber lateinische Exerzitien und Extemporalien bei. Als ob 'hierzu 
di« Fähigkeit latein zu schreiben nicht nötig wäre! Oder ist etwa zur Leitung dieser Übungen 
eine geringere Kenntnis des Lateinischen nötig? Verlangt nicht ferner die Lektüre volle 



») Güthling, Zur Methodik des lateinischen Aufsatzes. Z. f. d. G. 1868 S. 641 ff. 



*) Das Real-Gymnasium S. 66. 
«) H. Schiller, Z. f. d. G. 1890 S. 7. 



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Kenntnis der lateinischen Grammatik und Stilistik? Aber ich glaube, der Vorwurf trifft im 
allgemeinen nicht zu. Es ist falsch, von der Universität den gröfsten Teil der grammatischen 
und stilistischen Kenntnisse für den zukünftigen Gymnasiallehrer zu erwarten; vielmehr das 
Gymnasium hat die Aufgabe, ihm diesen auf die Universität mitzugeben. Wie sollte er auch 
ohne sie den exegetischen Vorlesungen folgen können? Nun pflegt aber die Universität diese 
Kenntnisse und erweitert sie in den philologischen Seminaren; auch werden z. B. an der hie- 
sigen Universität seit mehreren Jahren stilistische Übungen im Lateinischen angekündigt. 
Endlich ist doch der Student wohl im stände durch selbständiges Studium seine stilistischen 
Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen. Sollten aber diese Mittel nicht ausreichen, so hat 
die Universität die Pflicht, einen Weg zu dem nötigen Mafse lateinischer stilistischer Kennt- 
nisse zu eröffnen. Denn der Gymnasiallehrer braucht sie notwendig zur Lektüre; ohne sie 
kann er den Schriftsteller nicht völlig verstehen. Er braucht sie (abgesehen vom lateinischen 
Aufsatze) zu den Exerzitien und Extemporalien ; denn ohne diese keine gründliche Vertiefung 
in die lateinische Sprache. Das wird jedem Philologen klar sein; ich möchte sagen, es müfste 
jedem Gebildeten einleuchten. Es sei denn, er huldigte der Ansicht, die ich irgendwo ge- 
lesen, dafs „der Lehrer sein Aufsatzlatein ad hoc lernen müsse." Dieser Ansicht gegenüber 
sei nur die Frage erlaubt: Ist das Aufsatzlatein anders als das in den Exerzitien und Ex- 
temporalien ? 

Andere Angriöe richten sich gegen den Inhalt der lateinischen Aufsätze. Ein Teil der 
Gegner findet diesen gar nicht genügend; der Schüler wende alle Mühe auf die Form; 
Paulsen läfst die Schüler „möglichst bunte und schillernde Phrasen auf das Drahtgestell einer 
Chrie" ziehen, andere nennen den Inhalt nichtssagend. Am schmerzlichsten war mir, was 
Ziel ^) sagt: „Auf den Inhalt käme es in der Praxis am wenigsten an; man sei zufrieden, 
wenn die Form erträglich sei. Eigene Gedanken suche man im deutschen, nicht im latei- 
nischen Aufsatze." Es wird einem schwer, an die Möglichkeit solchen Betriebes des lateinischen 
Aufsatzes zu glauben. Denn „auf den Inhalt käme es nicht an." Wie ist es möglich, dafs 
der betreffende Lehrer diesen Mangel und damit den Irrtum seiner Methode nicht bemerkt? 
Warum schafft, wenn dies nicht geschehen, der Direktor nicht Wandel? Ferner „eigene Ge- 
danken sucht man nicht im lateinischen, sondern im deutschen Aufsatze." Warum hilft 
mau dem Übelstande nicht ab? — Abhelfen? — Ja. Dieselben Schüler "[schreiben zu der- 
selben Zeit den deutschen wie'den lateinischen Aufsatz. Wer äufsert nun in dem deutschen 
Aufsatz eigene Gedanken? Off"enbar nur, wer solche hat. Warum aber dem mit eigenen Ge- 
danken begabten Schüler im lateinischen Aufsatz diese versagen sollen, ist schlechterdings 
unfindbar. Es kann nur an der Methode liegen, die eben in fatalistischer Entsagung den 
gedankenlosen Aufsatz erträgt und sich freut, wenn nur die Form einigermafsen tauglich ist. 
Aber man weise Aufsätze „ohne Inhalt" schonungslos zurück, man wähle gute Aufgaben und 
bespreche sie genügend und weise immer und immer wieder auf den Inhalt als die Haupt- 
sache hin, behandle aber grammatische und stilistische Versehen mit Milde. Dann wird kein 
Schüler auf den verkehrten Gedanken kommen, die Form für die Hauptsache zu halten, dann 
wird niemand „bunte und schillernde Phrasen zusammenstoppeln wollen." Denn „eine 
leichte Abhandlung, zu der die Gedanken gegeben sind, ist kein Nährboden für die Phrase," 



») Erinnerungen aus dem Leben eines alten Schulmannes. Leipzig 1889. 



wie Ritter^) trefflich und treffend bemerkt. Diesen Satz bestätigt die Praxis. Nach meinen 
Erfahrungen ist die Klage über inhaltlose Aufsätze weit übertrieben. Von' den fast 800 Auf- 
sätzen, die ich korrigiert habe, waren etwa 20 inhaltlos. Auf den schlimmsten Fall besinne 
ich mich. Der Aufsatz war ein „Drahtgestell, das mit Phrasen behängt war." Noch heute 
bin ich überzeugt, es war ausländisches Fabrikat. Ohne meinen Verdacht zu äufsern, besprach 
ich mit dem Schüler die Arbeit und hatte die Freude, später von ihm inhaltlich durchaus 
tüchtige Arbeiten zu bekommen. 

Dann behauptet man, der lateinische Aufsatz übe einen schädlichen Einflufs auf den 
deutschen. Schroeder stellt die hierher bezüglichen Punkte in der Besprechung der Cauer'schen 
Schrift Suum cuique zusammen, 2) allerdings mit der Beschränkung, dafs sie „zum Teil" be- 
gründet seien. Einer der dort genannten Punkte ist die „Äufserlichkeit der Gedankenverbin- 
dungen." Ich gebe gern zu, dafs zu Anfang der Übungen im lateinischen Aufsatze, also in Ober- 
sekunda, der Schüler die Neigung hat, nach den Mustern des Lehrers oder eines Lehrbuches die 
Übergänge zu neuen Teilen recht hervorzuheben, gewifs zum Teil ungeschickt. Dasselbe wird 
jeder Lehrer des Deutschen an den Aufsätzen in Obertertia und Untersekunda bemerkt haben. 
Aber im Deutschen wie im Lateinischen schwindet diese Unbeholfenheit mit der Zeit und 
unter den aufmerksamen Augen des Lehrers, die Übergänge in den lateinischen Aufsätzen 
werden leicht und gewandt und werden keinen Schaden in den deutschen anrichten. 3) 
Ähnlich ist es vielleicht mit der von Schroeder hervorgehobenen Steifheit des Gedanken- 
ganges. Die eigenen Gedanken in der fremden Sprache auszudrücken, wird gewifs zu Anfang 
dem Schüler schwer. Jedoch auch hier habe ich das Zunehmen der Gewandtheit beobachtet 
und glaube nicht an einen schlimmen Einflufs auf den deutschen Aufsatz. Aber „Über- 
triebenheit und Unlauterkeit des Urteiles," wie sie sich im deutschen Aufsatze finden, kann 
man wohl nicht dem lateinischen Aufsatze in die Schuhe schieben. Denn der lateinische 
Aufsatz mit seinen meist geschichtlichen oder doch der Geschichte naheliegenden Aufgaben 
verführt bei weitem nicht so leicht zu jenen beiden Fehlern, als manche Themen deutscher 
Aufsätze, z. B. solche aus dem philosophischen und ästhetischen Gebiete. Überhaupt glaube 
ich, dafs man den Einflufs des lateinischen Aufsatzes auf den deutschen in jenen Vorwürfen 
überschätzt. Der deutsche Aufsatz steht, weil er schon lange betrieben ist, auf zu festen 
Füfsen, als dafs er sich beeinflussen liefse. 

Aufser den drei genannten Gebieten bewegen sich die Klagen noch auf pädagogischem 
Felde. Man sagt, dafs der lateinische Aufsatz viel Zeit und Mühe in Anspruch nehme. Das 
ist richtig ; aber er erfordert nicht längere Zeit und gröfsere Mühe als der deutsche Aufsatz. 
Denn das Mehr, welches bei dem lateinischen Aufsatze das Ausfeilen der Form erfordert, 
nimmt der deutsche wieder für die Bewältigung seines schwierigen Inhaltes in Anspruch.*) 
Dafür lohnt aber die Arbeit die angewandte Zeit und Mühe. Denn sie zwingt den Schüler 



Der Kampf gegen den lateinischen Aufsatz. Z. f. d. G. 1889 S. 413. 

2) Grenzboten 1889. S. 363 ff. 

3) Am besten beschränkt man die Übergänge auf das knappste und kürzeste Mafs. In den Reden haben 
sie grofsen orientierenden Wert. Die Abhandlung kann diese äufseren Mittel entbehren. 

*) Wie grundfalsche Ansichten über den Betrieb des lateinischen Aufsatzes hie und da verbreitet sind, 
zeigt ein Aufsatz in den Grenzboten 1889 S. 579 ff., in dem allen Ernstes behauptet wird, dafs man durch 
seine Beseitigung wöchentlich 2 sage zwei Stunden gewinnen würde. 



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zur Selbstthätigkeit und man kann sie so einrichten, dafs sie allen Schülern mit Ausnahme der 
trägen nicht eine Qual, sondern eine Arbeit wird, die sie gern thun. i) Nutzlos aber und 
gar eine „nutzlose Plackerei" kann sie nur werden, wenn die Sache sehr ungeschickt ange- 
fafst wird — trotz der gegenteiligen, auf Schulerinnerungen gegründeten Behauptungen. Ich 
würde gern diesen Schmerzensrufen williger mein Ohr leihen, hätte ich nur die Gewifsheit, 
dafs alle, die so klagen, wirklich sich dem lateinischen Aufsatze willig hingegeben haben. 
So lange aber ein Gegner wie Paulsen2) zugiebt, dafs „ein Lehrer, der Geschick und Freude 
zur Sache hat, auch heute noch im Lateinschreiben (nach dem Zusammenhange ist der latei- 
nische Aufsatz einbegriffen) etwas Rechtschaffenes leisten mag", wollen wir gern arbeiten: 
mit Freude, denn es ist unsere Pflicht, mit eifrigem Bemühen, einigermafsen Geschick zu 
bekommen, denn im Durchschnitt gerechnet kann, wie ich glaube, jeder Philologe dieses Ziel 
erreichen — nur mufs man von uns armen Menschen nicht ideale Leistungen verlangen. 

Endlich wirft man dem lateinischen Aufsatze vor, dafs er die Entlassungsprüfung aufser- 
ordentlieh erschwere, und will daher durch seine Beseitigung diese entlasten. Das Streben ist zu 
loben, aber man fängt am verkehrten Ende an. Das Lateinische ist allerdings jetzt zu sehr belastet, 
in der schriftlichen Prüfung doppelt so schwer als das Griechische und dabei ist jede der ver- 
langten Leistungen schwerer als die griechische. Auch im Mündlichen sind die Anforderungen 
gröfser. Es ist danach für den Prüfling weit schwerer sich im Lateinischen das Prädikat „gut" 
zu erwerben als im Griechischen. Die Last mufs erleichtert werden, aber nicht der Aufsatz 
müfste fallen, sondern das Exerzitium. Der Aufsatz leistet für die Prüfung alles, was das 
Exerzitium bietet, und noch ein gut Teil mehr. Wie weit der Schüler die Grammatik und 
Stilistik beherrscht, das kann am Aufsatze in gröfserem Umfange und deutlicher hervortreten 
als am Exerzitium. Aufserdem kann der Aufsatz darthun, wie tief der Abiturient in die an- 
tike Anschauungsweise eingedrungen ist, wie hoch der Grad seiner Gesamtentwicklung. Dafs 
neben dem deutschen Aufsatze der lateinische über diesen letzteren Punkt Aufschlufs giebt, 
ist nur ein Vorteil. Dafs aber der lateinische Aufsatz hierbei „aus einem dienenden in ein 
herrschendes Verhältnis hinübertrete", fürchte ich gar nicht; man drücke ihm nur den 
Daumen aufs Auge. Wenn aber eine solche Arbeit einmal schlimme grammatische Fehler 
enthalten sollte, so werden diese neben gutem Inhalt weit weniger ins Gewicht fallen als 
beim Exerzitium; in dem Aufsatze würden solche „Todsünden" s) weit eher Verzeihung finden. 

») Vielleicht könnte die Einrichtung getroffen werden, dafs man jährlich sechs Aufsätze verlangt: in jedem 
Vierteljahr einen häuslichen und in jedem Halbjahre einen Klassenaufsatz. 

^) Das Realgymnasium S. 36 Anm. 

3) „Grammatische Fehler und grobe Germanismen sind auch heute noch die eigentlichen Todsünden des 
Abiturienten. Dagegen hilft nichts, kein deutscher Aufsatz, keine verständige Übersetzung ins Deutsche können 
jene gut machen. Mögen hier Fehler und Mängel im Denken, mögen hier grobe Latinismen in Hülle und 
Fülle sich finden, das alles kann vergeben werden, aber die Sünden gegen die heilige lateinische Grammatik, 
die brechen dem Armen den Hals.« Schaudervoll, höchst schaudervoll! Da hätte ja selbst Hans als Abiturient 
das Gruseln gelernt. Aber die Sache hat eine sehr ernste Seite. Die angeführten Worte stehen in dem Auf- 
satze Paulsens in der Täglichen Rundschau vom 27. Februar 1889. Solche Behauptungen aus solchem Munde 
an solcher Stelle sind tief zu beklagen. Denn erstens : die Behauptungen sind grundfalsch. Jede Prüfung 
Hefert den Gegenbeweis. Ja ein solcher Fall ist undenkbar: vergebens würde man einen Schulrat oder einen 
Lehrer in der Kommission suchen, der solchen ungeheuerlichen Anschauungen huldigen, so gegen den Wort- 
laut und den Geist der gesetzUch^n Bestimmungen handeln woUte. Zweitens: solche Behauptungen sind ge- 



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Nicht alle Vorwürfe, die man dem lateinischen Aufsatze macht, habe ich angeführt, sondern 
nur die wichtigsten, unter die sich die übrigen mehr oder weniger leicht zusammenfassen 
lassen. Im allgemeinen kann man behaupten, dafs durchweg sehr übertrieben wird und dafs 
es kaum irgend einen erheblicheren Mangel giebt, der nicht durch Besserung der Methode, 
durch Nachdenken und gewissenhafte Sorgfalt des Lehrers vermieden oder wenigstens sehr 
gemildert werden könnte. Wo also wirklich noch in der Praxis schlimmere Mängel hervor- 
treten, da forsche man mit um so sorgfältigerer Selbstprüfung nach den Ursachen, und man 
wird fast immer finden, dafs dieselben nicht in der Sache liegen. Hirschfelders Aufsatz, 
meines Wissens die beste Schrift über die Methode des lateinischen Aufsatzes, hat uns die 
Bahn gewiesen und hat Gutes gewirkt. Die neuen Lehrpläne von 1882 haben einen aufser- 
gewöhnlichen Anstofs gegeben: überall regt es sich, es herrscht das lebhafteste Streben an 
der Methode zu bessern. Namentlich den beiden alten Sprachen ist diese emsige Thätigkeit 
zu gute gekommen; sie wird auch dem lateinischen Aufsatze Nutzen bringen. Ja, sie hat 
ihm schon Nutzen gebracht : auf grammatischem und stilistischem Gebiete ist das Ziel fester 
bestimmt und näher gerückt, und dadurch dem Aufsatze die Aufgabe erleichtert. Die Methode 
der Lektüre ist vertieft, der lateinische Aufsatz fast immer zu ihr in Beziehung gesetzt. 
Aber wir wollen noch mehr unser Augenmerk darauf richten und immer bedacht sein, aus 
ihr unsere Aufgaben zu wählen, von ihr unterstützt und sie unterstützend. Wir wollen 
keine Chrie, keine Rede, keinen Brief als Form für unseren Aufsatz nehmen, wir wollen 
die Korrektur milde handhaben, wollen nicht „Ciceros Eloquenz von Stufe zu Stufe zu er- 
obern" trachten, und frei von puritanischer Pedanterei auch dem seltenen Ausdrucke und 
wäre es des C. Gracchus „postremissimus" gern Gastrecht gewähren. Schrecklich wäre es, 
jedes Wort über den einen Leisten der Klassizität zu schlagen. Dann wird die Zeit kommen, 
da man über den Wert des klassischen Unterrichtes und des lateinischen Aufsatzes insbe- 
sondere für die Bildung unserer Jugend gerechter urteilen wird. 

Aber andererseits wollen wir bedenken, dafs noch manches zu thun ist. — Eins ist 
mir immer als ein schlimmer Fehler entgegengetreten: wir fassen das Ziel des Unterrichtes 
nicht früh genug ins Auge oder ich will richtiger sagen, wir behalten es nicht fortwährend 
im Auge. So kommt es, dafs mancher Schritt unnötig gethan wird, ja mancher zurückge- 
gangen werden mufs. Dies zeigt sich in der Stilistik und Synonymik. Wir müssen mit 
beiden in Sexta beginnen, müssen jeder Klasse ihre besondere Aufgabe zuweisen, damit in 
den höheren auf festem Boden Fufs gefafst und sicher weiter geschritten werden kann. Jetzt 
kommt es wiederholt vor, dafs etwas auf der Oberstufe vermifst wird, was vorausgesetzt 
werden müfste. Die Verteilung des Stoffes läfst sich leicht unter Anlehnung an die Ver- 
teilung des grammatischen Stoffes vornehmen. 

Ein anderer Mangel ist, dafs das Lateinsprechen nicht energisch genug oder wohl gar 
nicht betrieben und, wo es betrieben, meist zu spät begonnen wird. Und doch hinc omne 
principium, huc refer exitum, Es ist die beste und wirksamste Übung: eine fremde Sprache 
sprechen, führt am ersten zur Beherrschung derselben. Beim Übersetzen in das Deutsche 



eignet den gröfsten Schaden in den Köpfen Unkundiger anzurichten. Das liest mancher, der das Gymnasium 
nicht kennt, aber einen Sohn dort hat. Diesem geht's nicht gut, vielleicht war ihm das Examen zu schwer. 
Nun er gelesen, begreift der Vater; er findet etwas faul im Staate und ruft nach Reform — infolge falscher 
Behauptungen. 



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und in das Lateinische ist der Schüler Sklave des fremden Gedankens, beim Sprechen ist er 
Herr. Er bestimmt den Inhalt und ist gezwungen, in die fremde Form seine Gedanken um- 
zusetzen. Da mufs er die Bedeutung der Satzteile beachten, die Stellung der Wörter be- 
denken, synonymische Unterschiede berücksichtigen. Es wird anfangs schwer werden, aber 
der Lehrer hilft kurz ein, der Knabe findet sofort Belehrung und hat eine unendliche Freude 
an der Sache, denn er ist selbstthätig und vollzieht an der fremden Sprache eine Thätigkeit, 
die er an der Muttersprache stündlich übt. Wie wird durch solche Übungen sein Sprach- 
gefühl gebildet, die Aufmerksamkeit geweckt, Mut und Selbstvertrauen gesteigert. In den 
modernen Sprachen sind diese Vorteile fast allgemein anerkannt. Man wende nicht ein, dafs 
die modernen Sprachen uns näher ständen; das gilt für die Schüler in Sexta nicht. Ihnen 
ist die lateinische wie die französische Sprache unbekannt. Wenn das Französische in einigen 
Punkten z. B. dem Gebrauch des Artikels dem Deutschen näher steht, so wird dieser Vorteil 
durch die gröfsere Verschiedenheit und somit höhere Klarheit der lateinischen Formen auf- 
gehoben. 

Wie man in Sexta beginnen soll, das hat H. Schiller in seiner Pädagogik trefflich aus- 
einandergesetzt. Sobald man zusammenhangende Stücke gelesen hat, fliefst der Stoff reich- 
licher. Man fragt nach dem Inhalt, nach der Ursache und dem Zwecke der Handlungen, 
ändert den Inhalt um. Je weiter hinauf, desto höher steigert sich diese Thätigkeit. In den 
Mittel- und Oberklassen wird das Gelesene referiert. In den Oberklassen kann man das Leben 
der Schriftsteller oder Abschnitte der Geschichte in lateinischer Sprache erzählen lassen, die 
man für die gelesenen Schriften oder sonst für den Unterricht braucht. Das Referat des 
Gelesenen mufs stündliche Übung sein, i) Dagegen halte ich lateinische Interpretation für 
nachteilig: die Schüler müfsten durchweg sehr geübt sein, damit ihnen auch nichts dunkel 
bliebe. 

Wenn nun das Lateinsprechen von unten auf begonnen und später gut fortgesetzt wird, 
so kann schon früh mit der Anfertigung selbständiger Arbeiten begonnen werden. Dafs dies 
jetzt erst in Obersekunda geschieht, ist ein schlimmer pädagogischer Fehler. Wir führen 
unsere Schüler nicht allmählich zu der selbständigen Arbeit, sondern verlangen, dafs der la- 
teinische Aufsatz als gepanzerte Athene vollendet ihrem Haupte entspringe. Die Folgen dieses 
Fehlers sind gewifs anfangs betrübend. Aber sehen wir nur unsere Fehler ein, verbessern 
wir die Methode. Wir müssen mit selbständigen schriftlichen Arbeiten spätestens in der 
Obertertia beginnen, am besten nach meiner Ansicht in Untertertia. Warum sollte denn der 
Untertertianer nicht ein kurzes Referat, das in der Schule schon besprochen ist, nieder- 
schreiben können. In der nächsten Stunde wird die Arbeit durchgenommen und gebessert, 
endlich ins Reine geschrieben. Man vergleiche nur die weit ausholenden Übungen für den 
deutschen Aufsatz. Jetzt beginnen sie meist in Quarta, nach meiner Ansicht viel zu spät. 
Ich habe früher schon in Sexta Aufsätze anfertigen lassen und gute Erfolge damit erzielt. 
Jetzt schlägt H. Schiller den Beginn solcher Übungen für die 1. Vorschulklasse vor und 
stützt seinen Vorschlag mit den guten Erfahrungen, die er damit gemacht hat. Wir können 
Yom deutschen Aufsatz für die Methode des lateinischen Aufsatzes unendlich viel lernen, vor 



») Den Nutzen dieser Übungen lehrt die Erfahrung. Für die Oberstufe, der jetzt ja leider fast das ganze 
Lateinsprechen überlassen ist, kann man nach kurzem Betriebe die steigende Sicherheit der Schüler beobachten. 



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allem Mafs in der Beurteilung der Leistungen : aber auch Art und Zeit des Beginnes solcher 
Übungen. Wenn wir schon in den Mittelklassen kleine Arbeiten anfertigen lassen, die von Zeit 
zu Zeit an die Stelle eines Exerzitiums treten, dann können wir von unseren Obersekundanern 
bessere Aufsätze mit Recht erwarten, die über „Stümpereien" hinausgehen und die dem 
Lehrer wie dem Schüler ein Vergnügen sein können. 

Ich bin am Schlufs meiner Ausführungen. Der lateinische Aufsatz bringt nach meiner 
Ansicht dem Latein Unterricht wie auch anderen Fächern Nutzen. Die von seinen Gegnern 
angeführten Mängel sind zum gröfsten Teil übertrieben und lassen sich durch Besserung der 
Methode fast sämtlich beseitigen. Die wenigen und geringen Mängel, die nicht abzustellen 
sind, werden durch den Nutzen weit überwogen. Daher meine ich, wir haben am lateinischen 
Aufsatze mit allen Kräften festzuhalten. Er soll nie Zweck, sondern nur Mittel des Unter- 
richtes sein. Aber ein sehr wichtiges Mittel. Wenn das Gymnasium, wie der Unterrichts- 
minister in der Sitzung vom 6. März 1889 sagte, geistige Zucht und moralische Kraft giebt, 
die grofsen Aufgaben des Lebens zu erfüllen, wenn es die Tüchtigkeit des Könnens verleiht, 
so wollen wir hervorheben, dafs auch der lateinische Aufsatz sein gut Teil dazu geholfen hat. 
Wir wollen uns nicht durch den Einwurf beirren lassen, er nütze nicht zum praktischen 
Leben: nur das unmittelbar J^ützliche zu suchen, ist Saclie des gemeinen Mannes. Wir 
wollen uns auch nicht durch die Behauptung irre machen lassen, dafs seit 1870 Deutschlands 
Aufgaben gröfser geworden seien: Einrichtungen, die gerade so Grofses uns haben erreichen 
lassen, fortzuwerfen, wäre verkehrt. 

Den modernen Forderungen sind die Lehrpläne von 1882 weit entgegengekommen. Ihre 
Wirkung zu erproben, ist Aufgabe der nächsten Jahrzehnte. Unsere Pflicht ist es, die Me- 
tliode stetig zu bessern, willig und freudig unseres Amtes zu warten; dies aber ist aller 
Schulweisheit Krone. 



Könlgsiäillissclies Gyiniiasium. 1890. 



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Druck von W. Poriiutfcr in l'.iiiiti